21.10.2025 - Gedenken an die erste Massendeportation aus Frankfurt

Die Kulturdezernentin
Dr. Ina Hartwig

PRESSEINFORMATION
21.10.2025

Gedenken an die erste Massendeportation aus Frankfurt

Mit einer Gedenk- und Vortragsveranstaltung hat die Stadt Frankfurt am Main am Montagabend in der Paulskirche an die erste Massendeportation von Jüdinnen und Juden aus Frankfurt am 19. Oktober 1941 erinnert. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Fachvortrag „Tödliche Gratwanderung. Jüdische Repräsentanten zur Zeit der Deportationen“ der Historikerin Dr. Beate Meyer. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut statt.

Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig begrüßte die Gäste in der Paulskirche für den Magistrat: „Die Deportation der Jüdinnen und Juden aus Frankfurt und Hessen während der Shoah ist heute detailliert dokumentiert und erforscht, ebenso wie viele andere der nationalsozialistischen Verbrechen. Dennoch erleben wir gerade einen erstarkenden Antisemitismus, der vor Geschichtsklitterung nicht haltmacht, indem er diese Verbrechen relativiert, leugnet oder gar Vergleiche zur Politik der israelischen Regierung zieht. Das ist an Perfidie nicht zu übertreffen. Mit geschichtswissenschaftlichen Vorträgen wie dem heutigen setzen wir solchen Erzählungen die Kraft des faktenbasierten Arguments entgegen.“

Dr. Beate Meyer behandelte in ihrem Vortrag die Arbeit der 1939 als Zwangsorganisation gegründeten Reichsvereinigung der Juden in Deutschland bis 1943/1945. Deren jüdische Repräsentanten in der Berliner Zentrale und den einzelnen jüdischen Gemeinden wie Frankfurt waren anfangs vor allem für Emigration, Fürsorge und Bildung zuständig. Doch ab Herbst 1941 zogen das Reichssicherheitshauptamt und die Gestapostellen sie auch für die organisatorische Vorbereitung der Deportationen heran. Ohne vertieftes Wissen um die Shoa, durch Lügen getäuscht und unter steter Gewaltandrohung versuchten sie, den Prozess zu verzögern und Härten für die Jüdinnen und Juden abzumildern. Gegen die Dynamik der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik allerdings konnten sie mit ihren Mitteln kaum etwas ausrichten.

Die Vortragende Dr. Beate Meyer war bis 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, dem sie heute noch als assoziierte Wissenschaftlerin verbunden ist. 2011 erschien ihre preisgekrönte Monografie Tödliche Gratwanderung: die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939–1945). Darüber hinaus hat sie unter anderem zur Verfolgung sogenannter „jüdischer Mischlinge“ gearbeitet.

Die Direktorin des Fritz Bauer Instituts, Prof. Dr. Sybille Steinbacher zum Vortrag: „Beate Meyer richtet den Blick auf die letzten Jahre der zentralen jüdischen Organisation im nationalsozialistischen Deutschland, bevor auch deren Mitglieder wie alle anderen deutschen Juden deportiert und in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Ihr empathischer und zugleich auf die Quellen konzentrierter Blick offenbart das Dilemma, in dem sich die Mitarbeiter dieser Zwangsvereinigung befanden. Zwischen Hilfe für die zur Deportation Bestimmten und Hilfe bei der Durchführung der Deportationen war ein schmaler Grat.“

Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Ramón Jaffé, der aus Kompositionen seines Vaters spielte, des deutsch-israelischen Komponisten Don Jaffé, der mit seiner Familie 1941 vor den Nationalsozialisten aus Riga in die Sowjetunion flüchten musste und dort überlebte. Ramón Jaffé, ist ein vielfach mit Preisen geehrter Cellist. Als Solist spielt er mit vielen Orchestern weltweit. Im Jahr 1995 begründete er das Kammermusikfest Hopfgarten in Tirol, seit 2011 leitet er auch das Musikfestival Middelburg in den Niederlanden. Zudem unterrichtet er an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden.

Der 19. Oktober ist seit 2018 ein offizieller Gedenktag der Stadt Frankfurt am Main. Am 19. Oktober 1941 wurden 1.100 Frankfurter Jüdinnen und Juden ohne Vorankündigung und gewaltsam aus ihren Wohnungen verschleppt und durch die SA quer durch die Stadt zur Frankfurter Großmarkthalle getrieben. In den Kellern der Halle wurden sie gedemütigt und misshandelt, um schließlich über das Gleisfeld deportiert zu werden. Ziel der ersten Deportation war das Getto Łódź im besetzten Polen. Drei Personen haben diese Deportation überlebt. Seit 2015 erinnert die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle an diese erste Massendeportation.
 

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