Frankfurter Lyriktage 2011, Copyright Kulturamt Frankfurt am Main
24. bis 28. Mai 2011
»EXPERIMENT, LYRISCH«
»experiment, lyrisch«, so lautet das Motto der Frankfurter Lyriktage 2011. Anders als bei »liebe, lyrisch« (2007) und bei »natur, lyrisch« (2009) steht in diesem Jahr kein Motiv der zeitgenössischen Lyrik im Zentrum, sondern mit dem Experiment eine Form, genauer ein Verfahren. Doch was definiert experimentelles Schreiben in einem Zeitalter, in dem das Gelingen eines Gedichtes schon lange nicht mehr von wohlgesetzten Metren und Reimen abhängt? Ist es eine Reminiszenz an die literarische Moderne oder nicht vielmehr ein Charakteristikum der Gegenwarts-poesie? Je näher man dem Begriff der experimentellen Lyrik zu kommen glaubt, desto mehr scheint er sich einem zu entziehen. Erst der Blick in die Praxis er-schließt ein vielschichtiges wie vielstimmiges Phänomen, das ein lustvolles, irritierendes und provozierendes Spiel mit Sprache, ihren Bildern und Lauten betreibt. Es sind Gedichte, die dem poetischen Prozess mehr als seiner Vollendung, dem ästhetischen Risiko mehr als der Perfektion verpflichtet sind. Wer sie hört, liest und erlebt, dem wird klar, dass sie keineswegs eine Rander-scheinung, sondern eine hochkreative Kernzone der Gegenwartsliteratur bilden.
Mit der visuellen und der konkreten Poesie begann, was heute mit der Performance-Lyrik und der digitalen Poesie fortgesetzt wird. Die in diesen Versuchsanordnungen »realisierte Freiheit« (Ernst Jandl) ist weniger Ausdruck einer Regelverletzung als der einer künstlerischen Haltung. Empathisch werden formale wie semantische Grenzen überwunden, um der Lyrik neue Terrains zu erschließen. Dazu gehört der offensive Umgang mit Technik, sei sie analog oder digital, aber auch der Bezug auf Alltagsphänomene und auf die Wissenschaften. Viele Texte flottieren zwischen den Künsten, wandern als Materialien in die bildende Kunst oder verbinden sich zu Symbiosen aus Musik und Worten. Die Vernetzung, dieser vieldeutige Topos der Gegenwart, ist mehr denn je Leitbegriff des lyrischen Experiments.
Im Windschatten des literarischen Mainstreams entsteht eine neue Avantgarde, die den Abgesängen auf ästhetische Innovationen diskursfreudig trotzt. Sie formiert sich in jungen Verlagen wie luxbooks und kookbooks, in Zeitschriften wie EDIT und BELLA triste und bildet multiple Produktions- wie Projektgemeinschaften. So ver-schafft sie einer quicklebendigen Lyrikszene ein Forum jenseits etablierter Öffentlichkeiten und festgezurrter Märkte. Poesie hat in dieser literarischen Subkultur Kultstatus.
Die Lyriker von heute nutzen das Internet und die Räume der urbanen Szene-kultur, sie scheuen weder die Konfrontation mit dem Film noch mit der Popkultur. Ihre Gedichte sind alles andere als hermetisch, sondern in viele Richtungen offen, der Form nach spielerisch und intermedial, dabei immer reflektiert. Das Experiment als poetischen Akt mit seinen wechselseitigen Inspirationen und »heißen Fusionen« (Christian Filips) stellen wir bei den diesjährigen Frankfurter Lyriktagen vor. Sie geben der experimentellen Lyrik einen Raum, in dem sich die Weite ihrer Sprach- und Imaginationsströme entfalten kann.