20.4. bis 3.5.: Frankfurt liest ein Buch 2026

Frankfurt liest ein Buch 2026
 

Montag, 20. April, bis Sonntag, 3. Mai 
Frankfurt liest ein Buch 2026
Marie Luise Kaschnitz „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau“

2026 begeht Frankfurt liest ein Buch ein Jubiläum, nämlich den 125. Geburtstag von Marie Luise Kaschnitz. Die große Dichterin wurde am 31. Januar 1901 in Karlsruhe geboren und starb am 10. Oktober 1974 in Rom. Neben der Ewigen Stadt am Tiber sowie dem Familiensitz im badischen Bollschweil war Frankfurt am Main ab 1941 überwiegend ihre Heimat. Hier wirkte die Autorin bedeutender Gedichtbände 1947 / 48 an der Zeitschrift Die Wandlung mit und beteiligte sich an Debatten über deutsche Schuld. An der Goethe-Universität, wo ihr Mann einen Lehrstuhl für Archäologie innehatte, hielt sie 1960 als erste Autorin nach ihrer Freundin Ingeborg Bachmann die renommierte Frankfurter Poetik-Dozentur. In den 1960er Jahren erlebte Marie Luise Kaschnitz von ihrer Wohnung in der Wiesenau 8 aus den Wandel im Westend und hielt in schillernden Tagebuchminiaturen Beobachtungen und fantasievolle Gedanken fest. Das politisch bewegte Frankfurt der 68er-Generation war für sie – wie Zeitzeug:innen im Rahmen des Festivals schildern werden – gleichzeitig auch eines der Freundschaft mit Paul Celan und Theodor W. Adorno.

„Gott und die Welt“ – nicht mehr und nicht weniger beschäftigt Marie Luise Kaschnitz in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in ihren Aufzeichnungen, denen sie den Titel Tage, Tage, Jahre gibt. Die anstehenden Stürme der Studentenrevolution und der sich bald formierenden außerparlamentarischen Oppositionen sind in den Gedanken der Dichterin bereits präsent. Ausgangspunkt ist eine drohende Kündigung ihrer Wohnung im Frankfurter Westend, eine damit verbundene existentielle Beunruhigung, in der sie die Stadt erlebt – und so von den Nöten ihrer Bewohner erzählt. Und in denen Themen aufleuchten, die uns heute noch und wieder beschäftigen: die Zukunft der Arbeit, die Bedrohung durch technische Entwicklungen, die Veränderungen in der Natur. Der Lebensmittelpunkt der Kaschnitz ist das sich verändernde Frankfurt, das sie fasziniert und geradezu fesselt. „Ich bin oft genug gefragt worden, warum ich diese hässliche Stadt nicht verlasse, um wie die meisten anderen Schriftsteller in ein hübsches Landhaus zu ziehen ...“ – auf diese Frage hatte sie keine Antwort, aber sie blieb. Und hinterließ uns ihre wunderbaren erhellenden Aufzeichnungen, die uns – im 125. Geburtsjahr der Dichterin – ein Frankfurt zeichnen, in dem man gerne zu Hause ist.