Frankfurter Bürger-Universität

 

Vortragsreihe der Bürger-Universität der Goethe-Universität in der Zentralbibliothek Frankfurt am Main

Die Vortragsreihe Wie wir wurden, wer wir sind stellt jedes Sommersemester bekannte deutsche Biografien vor.

Seit 2008 besteht die Frankfurter Bürger-Universität, in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allgemeinverständlich über aktuelle Forschungen berichten. Mit diesen vielfältigen Vorlesungsreihen besinnt sich die Goethe-Universität, die seit 2008 erneut die Rechtsform der Stiftung angenommen hat, ihrer bürgerlichen Tradition. 1914 entstand die Universität als Bürgerstiftung von überwiegend jüdischen Bürgern für Bürger. Mit der Wahl verschiedener Veranstaltungsorte auch außerhalb der Universität und der Vielfalt des Themenangebots sind die einzelnen öffentlichen Vorlesungsreihen, was sie sein wollen: im wörtlichen Sinne eine Bürger-Universität.

Das Programm zum Download finden Sie auch auf der Webseite der Bürger-Universität.

Wie wir wurden, wer wir sind - Deutsche Biografien

Im Jahre 2019 liegt mit 30 Jahren und damit einer Generationsspanne die Vereinigung Deutschlands zurück. Das Land hat sich aus der jahrzehntelang erzwungenen „Machtvergessenheit“ gelöst. Seine wirtschaftliche Stärke erhöht die Erwartungen der internationalen Staatengemeinschaft, weltpolitische Gestaltungsinitiativen zu übernehmen. Begleitend zur gestiegenen politischen Bedeutung sieht sich die Bevölkerung vor das Problem gestellt, das eigene Schicksal von kaum kontrollierbaren ökonomischen Prozessen wie auch von übernationalen politischen Entscheidungszwängen abhängig zu sehen. Dabei scheinen die Folgen der kommunistischen Diktatur sowie die Zuwanderung von Menschen aus Herkunftsländern mit unterschiedlichen Traditionen noch kaum verkraftet. Die Frage nach der Stellung der Deutschen in der Welt wird von den meisten mit einem engagierten Plädoyer für Europa beantwortet, zunehmend unterlegt von einer Skepsis gegenüber den damit verbundenen Pflichten und Auflagen. Individuelle Lebensgeschichten liefern nachvollziehbare Beispiele dafür, wie die Menschen aus einem Land der Ruinen und des moralischen Verfalls einen Weg gefunden haben zu Sozialaufstieg, Wohlstand, demokratischer Diskursfähigkeit sowie zur Anerkennung der Andersartigkeit von Herkunft, Milieu oder Religion. Welche Spuren der historisch soziale Erfahrungsraum zweier Diktaturen im Erlebniszusammenhang einer Person hinterlässt und wie diese an die nachwachsenden Generationen weitergegeben werden, zeigt sich am Einzelfall. Je sorgfältiger man sich diesem widmet, desto deutlicher treten übergreifende konfessions- oder milieutypische Züge hervor. Biografien erzählen davon, wie Zeitgeist, überindividuelle Schicksalslagen und Weltbild ineinandergreifen. Sie repräsentieren Verläufe einer Mentalitätsgeschichte des Landes, die zum erkennenden Vergleich einladen.

Die Vortragsreihe Wie wir wurden, wer wir sind stellt bekannte Biografien aus unterschiedlichen Berufsfeldern vor. An exemplarischen Lebensgeschichten versucht sie, wichtige Stationen der deutschen Sozial- und Kulturgeschichte zu vergegenwärtigen und somit die Geschichte zu zeigen, die wir sind.

Kuratiert von Prof. Tilman Allert, Goethe-Universität
Gefördert von den Freunden und Förderern der Goethe Universität Frankfurt

Beginn: Jeweils um 19:30 Uhr

Veranstaltungsort: Stadtbücherei, Zentralbibliothek, Hasengasse 4, 60311 Frankfurt am Main
 

29/04/2019
Auf dünnem Eis – Katarina Witt

Mit zwei Olympiasiegen und mehreren Weltmeistertiteln zählte Katarina Witt zu den Vorzeigesportlerinnen, mit deren Erfolgen das DDR-Regime die Leistungsfähigkeit und Überzeugungskraft des sozialistischen Deutschlands unter Beweis stellen wollte. Zwischen erfahrenen Privilegien, Systemloyalität und der Wunsch nach Selbstbestimmtheit begründen den Werdegang eines krisenhaften Lebens im geteilten sowie im vereinigten Deutschland.

Referent: Prof. Dr. Tilman Allert, Goethe Universität Frankfurt

06/05/2019
Hand an sich legen – Jean Amery

Selten sind Leben und Werk so eng verknüpft wie bei Jean Améry. Nach den Auschwitz-Prozessen gehörten seine autobiographischen Essays zu den wichtigsten Zeugnissen des Überlebens. Ein Jahrzehnt später kündete sein „Diskurs über den Freitod“ zugleich von Macht und Ohnmacht des Menschen. Améry wurde zu einer legendären Gestalt der deutschen Geschichte, die herausfordert, immer neu gelesen zu werden.

Referent: Prof. Dr. Matthias Bormuth, Ossietzky Universität Oldenburg

20/05/2019
Angst essen Seele auf – Rainer Werner Fassbinder

Rainer Werner Fassbinder hat zwischen 1969 und 1982 in über 40 Spielfilmen Regie geführt. Seine Biografie ist daher von dem Exzess seiner unaufhörlichen Produktivität nicht zu trennen, die ihn zu dem bedeutendsten Filmschaffenden der bundesdeutschen Nachkriegszeit hat werden lassen. Sein filmisches Werk legt Zeugnis von den Verwerfungen der jüngeren Geschichte ab und ist dabei zugleich eine Art Familienserie der an seinen Produktionen Mitwirkenden, die alles in den Schatten stellt, was sonst unter diesem Namen zu sehen ist.

Referent: Prof. Dr. Martin Seel, Goethe Universität Frankfurt

27/05/2019
Die Macht des Willens – Elisabeth Förster-Nietzsche

Elisabeth Förster-Nietzsche sammelte die Manuskripte ihres Bruders und gab seine Schriften heraus. Da sie einen eigensinnigen Umgang mit der Wahrheit pflegte und Nietzsche zudem den Nationalsozialisten andiente, eilt ihr seit langem ein verheerender Ruf voraus. Der Vortrag lotet die Abgründe einer Geschwisterbeziehung aus, welche die deutsche Ideengeschichte bis heute prägt.

Referent: Prof. Dr. Ulrich Sieg, Philipps-Universität Marburg

17/06/2019
Die Welt als Entwurf – Otl Aicher

Otl Aicher war einer der einfluss- und erfolgreichsten Grafik-Designer, Typografen und Lehrer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von ihm stammen zahlreiche Erscheinungsbilder, etwa für die Lufthansa, für ERCO Leuchten, das ZDF oder für die Olympischen Sommerspiele in München 1972. Als enger Freund der Familie der Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl, gründete er mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und Max Bill 1953 die Ulmer Hochschule für Gestaltung, die zunächst als umfängliches Institut zur Demokratieerziehung entstand und im weiteren Verlauf zur ersten wissenschaftlich orientierten Gestaltungshochschule mit großer Strahlkraft wurde.

Referent: Prof. Dr. Klaus Klemp, Hochschule für Gestaltung Offenbach

24/06/2019
Im stahlharten Gehäuse des bürokratischen Sozialismus – Margot Honecker

Als Ministerin für Volksbildung in der ehemaligen DDR, zuständig für die Qualifizierung der pädagogischen Berufe, repräsentierte der Weg Margot Honeckers, Schuhmachertochter aus Halle, wie kaum eine andere Karriere der politischen Elite die Gestaltungshoffnung einer Generation, die sich früh den Idealen des Kommunismus verschrieben hatte, gesinnungsethisch rigide und blind gegenüber dem Freiheitswunsch der Bevölkerung.

Referent: Prof. Dr. Tilman Allert, Goethe Universität Frankfurt

Zurück  |  Drucken  |  Versenden