Karfunkel 2026 - Preisverleihung im Kaisersaal | Foto: Katrin Schander
Der mit 10.000 Euro dotierte Kinder- und Jugendtheaterpreis Karfunkel der Stadt Frankfurt am Main wurde am Dienstag, 24. Februar, im Frankfurter Römer an das Theater-Ensemble KORTMANN&KONSORTEN verliehen. Der mit 5.000 Euro dotierte Sonderpreis ging an die Regisseurin Barbara Englert.
Hauptpreis an KORTMANN&KONSORTEN für ‚STIMMEN – Anne, Sophie, Melita‘
Im vollbesetzen Kaisersaal überreichte die Frankfurter Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig den Preis für die Inszenierung des Stückes „STIMMEN – Anne, Sophie, Melita“ an KORTMANN&KONSORTEN.
In der Inszenierung geht es um die Stimmen dreier junger Frauen, die in der Zeit des Nationalsozialismus alle auf unterschiedliche Art und Weise mit den schwierigen Umständen ihrer Zeit umgegangen sind – drei Frauen zwischen Widerstand, Anpassung und Verfolgung. Die Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die Jugendliche Anne Frank, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden in ihr Tagebuch schrieb und die Mitläuferin Melita Maschmann, seit 1933 Mitglied des Bunds Deutscher Mädel (BDM).
„Eine demokratische Gesellschaft hat ihr Fundament im Erinnern ihrer eigenen Geschichte und Geschichten“, sagte Ina Hartwig in ihrem Grußwort. Diese Erkenntnis dürfe nicht abstrakt bleiben. „Sie muss gelebt und mit Leben erfüllt werden. Und zwar gerade für die junge Generation. Das hat KORTMANN&KONSORTEN auf eindrückliche Weise in ihrer Inszenierung von ‚STIMMEN – Anne, Sophie, Melita‘ vollbracht. Hier steht niemand mit erhobenem Zeigefinger, hier sprechen Gleichaltrige zu Gleichaltrigen.“ Dabei werde „schmerzlich erfahrbar und spürbar, welches Verführungspotential der Nationalsozialismus für die einen hatte, und welche Abgründe sich für die anderen darin auftaten.“
Und genau deswegen brauche es STIMMEN. Der Theaterregisseur und künstlerische Leiter der Landungsbrücken Frankfurt, Linus König, würdigte die Regisseurin des Preisträger-Ensembles, Sarah Kortmann, so:
„Es gibt kein Richtig und kein Falsch, keinen erhobenen Zeigefinger. Aber es gibt ein diffuses Gefühl von Anstand. Sie überspitzt nicht ins Heute, sondern spitzt das Wesentliche auf die Essenz zu. Sarah will, dass eben diese Essenz, die sie herausfiltert, unmittelbar spürbar wird.“
Und die Regisseurin Sarah Kortmann selbst bedankte sich persönlich in Ihrer Rede und erklärte, dass die Inszenierung durchaus Bezüge zu Ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer eigenen Autobiographie enthält:
„Meine Großmutter wuchs in Lüdenscheid auf. Sie erzählte vom Bund Deutscher Mädel, vom BDM, und davon, wie schön sie die Zeit fand. Die Gemeinschaft mit den anderen Mädels. Auch das gehört zu meiner Herkunft. Diese Gleichzeitigkeit von Leid, Verdrängung und Anpassung hat mir gezeigt, dass Geschichte selten eindeutig ist – und dass Identität oft aus Ambivalenzen besteht.“
Sonderpreis an Barbara Englert für ‚Die Ilias. Jetzt erzähle ich‘
Mit dem Sonderpreis wurde Barbara Englert ausgezeichnet. Die Autorin und Regisseurin vom Förderkreis Frankfurt erhielt den Preis für die Produktion ‚Die Ilias. Jetzt erzähle ich‘.
Auf Homers ‚Ilias‘ basierend berichtet Englert in ihrer Version des Epos nicht aus der Perspektive der kriegerischen Helden, sondern „aus der Perspektive der Ausgegrenzten, der Übersehenen“, so Hartwig. „Dabei verändert die Autorin nicht primär das: ‚Was erzählt wird‘, sondern das: ‚Wer erzählt‘, und zeigt damit gleichzeitig auf, wie Erzählen funktioniert, welche Mythen uns prägen.“
Ähnlich betonte auch die Laudatorin Aileen Schneider, selbst Autorin, Opernregisseurin und Spoken Word Poetin die besondere Stellung der Frauen in diesem Stück: „Kriegserzählungen wie die Ilias sind patriarchal geprägt – die Empfindungen der Frauen kommen so gut wie gar nicht vor. Barbara Englert möchte einladen zu einer Reise ins Unbekannte, an deren Ende keine Erkenntnis, keine Katharsis, dafür aber die Kraft steht, die Mechanismen und Muster unserer Gesellschaft besser zu verstehen.“
Regisseurin und Preisträgerin Barbara Englert hob in ihrer Dankesrede hervor:
„Geschichte und Geschichten aus der Perspektive von Frauen zu sehen, zu lesen und zu hören, bedeutet, Ungerechtigkeiten zu erkennen – und sie nicht einfach hinzunehmen. Und es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, damit zukünftige Generationen nicht mehr um Sichtbarkeit kämpfen müssen.“
Der Karfunkel-Preis
Der Kinder- und Jugendtheaterpreis Karfunkel der Stadt Frankfurt wird seit 2010 verliehen und soll der Anerkennung und Würdigung qualitätsvoller Kinder- und Jugendtheaterarbeit in Frankfurt dienen, die Preisträgerinnen und Preisträger bekannter machen sowie das Genre an sich stärken. Ausgezeichnet wird jeweils eine bestimmte Inszenierung in ihrer Gesamtheit. Der nach dem feuerroten Edelstein benannte Karfunkel-Preis wird traditionell parallel zum Internationalen Theaterfestival „Starke Stücke“ verliehen. Das Festival läuft seit dem 20. Februar noch bis zum 3. März in Frankfurt und dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.
Die Jury
Der diesjährigen Jury unter dem Vorsitz der Kulturdezernentin Hartwig gehörten Sara Gröning vom „Starke Stücke“-Festival an, Johanna Kiesel vom Kulturamt Eschborn, Eva-Maria Magel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Valerie Eichmann vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland.
Kontakt für die Medien: Hanna Immich, Pressesprecherin Dezernat Kultur und Wissenschaft, Tel.: +49 69 212 49232, Mobil: + 49 171 1769719, E-Mail: hanna.immich@stadt-frankfurt.de