Der Kuhhirtenturm in der Großen Rittergasse ist ein gotischer Wehrturm aus dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts. Seit Anfang 2010 wurde er im Auftrag der Stadt im Zuge des Förderprogramms zu Alt-Sachsenhausen nach Plänen von Jo. Franzke Architekten umgebaut, um dort eine öffentlich zugängliche Erinnerungsstätte für Hindemith zu schaffen. Die Einrichtung des sogenannten Hindemith-Kabinetts im Innern hat das Hindemith-Institut Frankfurt konzipiert und die Hindemith-Stiftung finanziert. Der Musiker lebte und arbeitete dort von 1923 bis 1927; im Kuhhirtenturm komponierte er unter anderem seine erste abendfüllende Oper Cardillac sowie zahlreiche kammermusikalische und konzertante Werke.
Die Ausstellung im ersten und zweiten Obergeschoss zu Leben und Werk Hindemiths, die Reproduktionen zahlreicher Dokumente aus dem im Hindemith-Institut Frankfurt aufbewahrten Nachlass präsentiert, führt durch die verschiedenen Lebensstationen des Komponisten. Ergänzt wird die Dauerausstellung durch einen Film sowie Originalexponate wie etwa Hindemiths Viola d’amore, ein privates Fotoalbum und seine Modelleisenbahn. An einer Medienstation sind außerdem Werke Hindemiths von ihm selbst interpretiert zu hören. Raum für kleine Wechselausstellungen zu unterschiedlichen Themen gibt es im 3. Geschoss. Anlässlich des Projekts „Phänomen Expressionismus“ des Kulturfonds Frankfurt RheinMain ist die aktuelle Wechselausstellung dem Thema „Hindemith und der Expressionismus“ gewidmet. Das Musikzimmer mit Flügel ganz oben bildet den buchstäblichen Höhepunkt des Hindemith-Kabinetts, in dem die Konzertreihe „Kammermusik im Kuhhirtenturm“ und weitere Veranstaltungen stattfinden.
Termine für Konzerte und Führungen im Kuhhirtenturm können unter anderem dem Veranstaltungskalender unter www.kultur-frankfurt.de entnommen werden. Der Turm ist jeden Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet und kann außerdem auch nach telefonischer Vereinbarung mit dem Hindemith-Institut (Tel. 069/ 597 03 62) oder dem städtischen Kulturamt (Tel. 069/212 33 952) besichtigt werden. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Im Eintrittspreis enthalten sind zwei Broschüren: Eine zur Geschichte und baulichen Gestalt des Kuhhirtenturms, herausgegeben vom Stadtplanungs- und vom Kulturamt der Stadt Frankfurt sowie ein Ausstellungsführer zu Leben und Werk Hindemiths, herausgegeben vom Hindemith-Institut Frankfurt.
Der Kuhirtenturm
Der Kuhhirtenturm ist ein Ensemble aus Turm und Torhaus, ein Rest der mittelalterlichen Sachsenhäuser Befestigungsanlagen und der Stadtmauer. Der Kuhhirtentum, der im Volksmund ursprünglich aufgrund seiner Größe als „Elefant“ bekannt war, steht als Wahrzeichen des Viertels unter Denkmalschutz. Seinen Namen erhielt er wohl Anfang des 19. Jahrhunderts, als entschieden wurde, die Frankfurter Wehrtürme, die inzwischen ihre militärische Bedeutung verloren hatten, in Armenwohnungen umzuwandeln. In den „Elefanten“ zog zunächst der Sachsenhäuser Kuhhirte ein, später gab es auch andere Nutzer. Nach starken Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde der Turm im Jahr 1957 saniert. Das Turmdach wurde erneuert und erhielt ein Dach in Balkenkonstruktion. Nach verschiedenen Nutzungen – zwischenzeitlich waren hier Jugendclubs und Wohnungen untergebracht – ist der Turm nun ein Ausstellungs- und Vortragsraum der Hindemith-Stiftung.
Hindemith und Frankfurt
1895 in Hanau geboren, kam Paul Hindemith 1905 als Zehnjähriger nach Frankfurt und lebte und arbeitete hier 22 Jahre lang. Als Stipendiat erhielt Hindemith seine geigerische Ausbildung am Hoch’schen Konservatorium und wurde 1916 – mit nur 20 Jahren – Konzertmeister des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Eine Stellung, die er erst 1923 aufgab, um ausschließlich als Komponist und Bratschist zu arbeiten. Nach Jugendjahren im Gallusviertel verließ Hindemith 1923 eine Wohnung in der Nähe der Frankfurter Oper, die er als Konzertmeister bezogen hatte, um in den Kuhhirtenturm in Sachsenhausen zu ziehen. Damals war er Mitglied des vom ihm 1922 gegründeten international renommierten Amar-Quartetts. 1924 heiratete er Gertrud Rottenberg, die Tochter seines langjährigen Opernchefs und Enkelin des ehemaligen Oberbürgermeisters Franz Adickes, die zu ihm in den seit vielen Jahren unbewohnten Turm zog. Diesen hatte er nach Zustimmung des Magistrats zuvor auf seine Kosten für 1000 Dollar (Inflationswährung!) renovieren lassen.
Im Turm entstanden das Konzert für Orchester op. 38 (1925), kammermusikalische und konzertante Werke sowie die Oper „Cardillac“ nach E.T.A. Hoffmann. 1927 folgte Hindemith einem Ruf an die Berliner Musikhochschule und verließ Frankfurt. Seine Mutter und seine Schwester lebten noch bis 1943 im Kuhhirtenturm. 1936 wurden Hindemiths Werke in Deutschland mit Aufführungsverbot belegt. Nach längeren Aufenthalten in der Schweiz, der Türkei und den USA emigrierte Hindemith 1940 in die USA und lehrte an der Yale University in New Haven. 1946 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Ab 1947 kehrte er für ausgedehnte Europa-Besuche zurück, unterrichtete seit 1951 auch in Zürich und ließ sich 1953 in der Schweiz in der Nähe des Genfer Sees nieder. Er starb 1963 im Marienhospital in Frankfurt am Main.